Interview mit Peter Alberter, Geschäftsführer des KAP-Instituts in Regensburg
Für Peter Alberter, den Geschäftsführer des KAP-Instituts in Regensburg, dreht sich seit über 25 Jahren praktisch alles um die Erlebnispädagogik. Der begeisterte Pädagoge und Abenteurer fing bereits 1996 an, selbst Erlebnispädagogen auszubilden. Über 6.500 Teilnehmer besuchten seitdem die von ihm angebotenen Fortbildungskurse zu diesem Thema.
Ermutigt und bestätigt von den vielfältigen Möglichkeiten, die die Erlebnispädagogik bietet, ging Peter Alberter noch einen Schritt weiter und entwickelte bereits in den neunziger Jahren ein Konzept für Erlebnistherapie. Im Jahr 2001 bot das KAP-Institut erstmals einen entsprechenden Kurs an: „Therapeutische Potentiale des Erlebnisses“. Am KAP Institut selbst gründete er 2019 die erste erlebnistherapeutische Intensivgruppe für insgesamt fünf Jugendliche.
Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen in der erlebnispädagogischen Arbeit und erklärt, wo er die Unterschiede zur Erlebnistherapie sieht.
Herr Alberter, die folgende Frage bietet sich zu diesem Thema einfach an: Seit einem Vierteljahrhundert sind Sie dem Thema Erlebnispädagogik immer treu geblieben – warum?
Weil ich mir nichts Schöneres vorstellen kann! Mit Hilfe von unterschiedlichen Natursportarten wie Segeln, Bergwandern oder Höhlenklettern bietet Erlebnispädagogik eine herausragende und abwechslungsreiche Möglichkeit, um mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen draußen in der Natur unterwegs zu sein und verschiedenste Themen damit zu transportieren. Wenn ich mir den Herausgeber-Beirat der Zeitschrift e&l anschaue, dann entdecke ich weitere Pioniere der Erlebnispädagogik. Sie sind zum Teil deutlich älter als ich, aber unverändert aktiv und begeistert dabei!
Wo waren Sie zuletzt mit Jugendlichen draußen unterwegs?
Mit unserem Hochseetrimaran auf dem Chiemsee, dem größten bayerischen Meer. Dort bin ich mit Jugendlichen und unseren Mitarbeitern um die Inseln gesegelt. Das waren unglaublich tolle und intensive Tage. Kaum hatten wir den Hafen verlassen und die Segel gesetzt, konzentrierten sich die Jungs auf das Segeln und konnten das gemeinsame unterwegs sein auch genießen.
Das klingt erstaunlich, da Sie ja im KAP-Institut vor allem mit Systemsprengern und Jugendlichen arbeiten, die in den meisten Einrichtungen nicht mehr tragbar sind.
Das stimmt. Es ist ein schwieriger und anstrengender, aber nicht hoffnungsloser Auftrag! Gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen sind die Grundlage für eine gute Beziehung zwischen den Betreuern und Jugendlichen, und somit auch für die weitere Arbeit mit ihnen. Vor allem gilt es, die langweiligen und konfliktträchtigen geschlossenen Räume, zuhause oder nach der Schule, zu verlassen. Wenn man das schafft, ist das sozusagen schon die „halbe Miete“. Unser KAP-Motto: „Wer fürs Leben motivieren möchte, muss den Alltag abenteuerlich gestalten“ wird eins zu eins umgesetzt und kommt bei den Jugendlichen sehr gut an.
Wie schaffen Sie es, dass die Jugendlichem mal ihr Handy zur Seite legen und mit Ihnen nach draußen gehen?
Sobald Downhill-Biken, Hochseesegeln und Höhlenforschen auf dem „Lehrplan“ unserer erlebnistherapeutischen Wohngruppe stehen, ist es gar nicht so schwer. Für die Schule zu motivieren ist da schon eine andere Hausnummer.
Wo sehen Sie den Unterschied zwischen Erlebnispädagogik und Erlebnistherapie?
Erlebnispädagogik ist ein wunderbares Konzept, das sich vor allem im Gruppenkontext gut einsetzen lässt, etwa für Schulklassen, Jugendgruppen oder in der Erwachsenenbildung. Ziel ist es hierbei meistens, soziale Aspekte zu fördern, Kommunikationsstrategien zu erarbeiten oder Kooperation und Teamwork zu fördern. Natursportarten, verbunden mit Bewegung und Begeisterung sind vor allem auch für die Entwicklung von Kindern enorm hilfreich und förderlich. Meines Erachtens gibt es aber auch für die Beziehungsgestaltung, ob unter Erwachsenen oder zu den eigenen Kindern, zu Jugendlichen oder auch innerhalb der Familie, nichts Besseres, als Erlebnispädagogik.
Etwas anderes ist es bei Kindern und Jugendlichen, die allgemein als „schwierig“ oder verhaltensauffällig gelten, die etwa traumatische Erfahrungen gemacht haben oder deren Leben von Beziehungsabbrüchen gekennzeichnet sind. Für sie bietet die Erlebnistherapie eine gezielte und personalisierte Therapiemöglichkeit. Bevor ich diese gezielt einsetzen kann, muss ich jedoch zuerst das Verhalten des Kindes oder des Jugendlichen nachvollziehen können. Die Anamnese ist daher ein unerlässlicher Schritt zum professionellen Einsatz dieser Therapieform. Grundsätzlich gilt: Erst verstehen und dann handeln. Das heißt konkret: Nur, wenn ich meinen Klienten (das Kind oder den Jugendlichen) mit seiner Biographie, seinen alltäglichen Herausforderungen, seinen Diagnosen, seinen besonderen Eigenschaften und spezifischen Auffälligkeiten verstehe, kann ich ein maßgeschneidertes, gezieltes erlebnistherapeutisches Angebot entwickeln.
Wie würden Sie Erlebnistherapie definieren?
In der Jugendhilfe beabsichtigt Erlebnistherapie immer eine Veränderung des Verhaltens von Kindern und Jugendlichen. Diese Veränderung wird mittels gezielt angestoßener Erlebnisse und Erfahrungen in der Natur bewirkt. Erlebnistherapie eröffnet in der schwierigen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen neue Wege – außerhalb von den bislang üblichen Therapien in geschlossenen Räumen. Erlebnistherapie ist sozusagen Erlebnispädagogik plus therapeutisches Fachwissen und beruht auf Anamnese, Diagnostik und langjähriger Erfahrung im Umgang mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen.
Die ebenso effektive wie zielorientierte Methodik dahinter ist eigentlich recht einfach: Gemeinsam draußen unterwegs zu sein, verbunden mit Ich-kann-Erlebnissen verleiht regelrecht „Flügel“ in der therapeutischen Arbeit. So bietet Erlebnistherapie eine tragfähige Basis und hilft individuelle und effektive Behandlungswege zu entwickeln. Diagnostisch orientieren wir uns dabei an der ICD 10 und vereinbaren stets ein gemeinsames Behandlungsziel um letztendlich eine Störung mit Krankheitswert erfolgreich zu therapieren.
Das bedeutet, dass die Therapie in erster Linie draußen stattfindet?
Ja, der therapeutische Moment, das therapeutische Setting findet in der Natur statt. Für Anamnese, Diagnostik und Reflexionsgespräche spielt der Ort eine weniger große Bedeutung. Solche Gespräche können auch „indoor“ stattfinden.
Was kann eine Therapie in der Natur besser, als eine in geschlossenen Räumen?
Unsere Kinder und Jugendlichen benötigen kontinuierliche Stabilisierung. Die drei basalen[1] Unterstützungssysteme Erde, Schwerkraft und Atem sind beim Erleben in der Natur besser gegeben als auf der Couch, hinterm Schreibtisch oder am Besprechungstisch. Positive Erlebnisse, Körpererfahrung und Bewegung lassen sich in der Natur viel besser umsetzen, als in Turn- und Bewegungshallen. Die Kinder und Jugendlichen erleben sich nicht am Bildschirm, sondern setzen sich live mit sich und anderen Bezugspersonen auseinander – sie spüren sich aus „erster Hand“.
Oft haben die Kinder schon zu viel gesehen, aber im positiven Sinne noch nichts erlebt, worauf sie stolz sein können, was ihr Selbstwertgefühl steigert, was sie ihre eigenen Grenzen erfahren lässt. Diese Lücke füllen wir. Das Motto lautet: Handy weglegen und raus in die Natur! Dort warten Abenteuer und enorme Entwicklungsmöglichkeiten.
In der freien Natur können die Kinder und Jugendlichen die vier Jahreszeiten mit allen Formen von Wind und Wetter erleben und sich ausagieren. Sie transformieren die Affektbrücken früherer Zustände und verwandeln damit ihre negativen Gefühle in Selbstermächtigung wie „Ich-kann“- und „ich spüre mich“-Erlebnisse. Vor allem Jungs benötigen durch ihre hormonelle Ausstattung in besonderer Weise die Möglichkeit, körperlich aktiv zu sein.
Das setzt jedoch voraus, dass Sie anamnestisch möglichst viel über Ihre Klienten wissen, richtig?
Ja, je mehr Puzzleteile wir vom Leben eines Jugendlichen kennen, desto gezielter und effektiver können wir unser erlebnistherapeutisches Angebot konzipieren. Beispielsweise ist es Standard, dass wir uns unter anderem auch über den Verlauf der Schwangerschaft, der Geburt und der frühen Kindheit informieren. Hier geht es um Stichwörter wie Hirnschädigungen, Drogen- oder Alkoholmissbrauch während der Schwangerschaft, Urvertrauen und so weiter.
So ein Vorgehen gibt es in der Erlebnispädagogik nicht?
Richtig, von einer Schulklasse weiß der leitende Erlebnispädagoge oft nur Schulart, Alter und Geschlecht. In einem erlebnistherapeutischen Fall wissen wir von unseren Jugendlichen ziemlich viel. Die meisten kommen zu uns mit detaillierten Anamneseunterlagen. Teilweise reicht nicht mal ein dicker Leitzordner, um auch nur ansatzweise als das Leid und die Schicksale zu dokumentieren, die die Kinder und Jugendlichen seit frühester Kindheit erfahren und erlebt haben. Die Berichte sind oft voll mit Beschreibungen von Beziehungsabbrüchen, Ängsten, Gewalt, dem Fehlen von Rückhalt und Sicherheit und so weiter.
All diese Informationen sind eine wichtige Basis für unseren Therapieansatz. Wir bringen dieses Wissen mit unserer langjähren Erfahrung in der Intensiv-, Verhaltens-, Trauma- und Gesprächstherapie zusammen und entwickeln ein erlebnistherapeutisches Konzept, das auf jedes einzelne Kind und jeden Jugendlichen individuell zugeschnitten ist.
Kommen die Jugendlichen freiwillig zu Ihnen?
Ja, unsere gesamte Therapie beruht auf Freiwilligkeit. Die Kinder und Jugendlichen, die bei uns aufgenommen werden, haben in der Regel einen gewissen Leidensdruck. Sie wünschen sich eine Veränderung der aktuellen Situation und sind gerne bei uns. So gut wie alle verfügen über eine anerkannte Diagnose nach ICD-10.
Aufbauend auf den Ausbildungszweig Erlebnispädagogik starten Sie nach längerer Pause im Herbst 2020 wieder einen Kurs Erlebnistherapie. Das ist dann bereits der achte Kurs in der Geschichte des KAP-Instituts. Können sich interessierte Teilnehmer schon jetzt anmelden? Was sind die Zugangsvoraussetzungen?
Ja, wir haben schon einige Vormerkungen. Zugangsvoraussetzung ist eine Ausbildung oder ein Studium im Bereich Pädagogik oder Psychologie – und (im besten Fall) eine abgeschlossene Zusatzausbildung Erlebnispädagogik bei einem anerkannten und zertifizierten Träger der Erlebnispädagogik.
Interviewer:
Dr. Peter Stuckenberger, Fachjournalist
Kurzbeschreibung: Als Geisteswissenschaftler spürt Peter Stuckenberger Themen im Labyrinth zwischen Gesellschaftsentwicklung und Wirtschaft nach. Von der Idee, draußen in der Natur fürs Leben zu lernen, hat er sich bereits mehrfach bei Workshops mit Peter Alberter und dem KAP Institut überzeugen können.
[1] www.basale-stimulation.de/konzept
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